Dienstag, 26. Januar 2016

Jolien Janzing        Die geheime Liebe der Charlotte Bronte         Herbig Verlag




Zum 200. Geburtstag Charlotte Brontës 2016 gibt es eine Reihe von Neuauflagen und Neuübersetzungen. Der Herbig Verlag präsentiert zum Jubiläum “Die geheime Liebe der Charlotte Brontë” und liefert damit ein must-read für alle Fans der Schriftstellerin.

Jolien Janzings sehr gut recherchierter, flüssig erzählter Roman bringt uns ins Brüssel um 1840: Charlotte und Emily Brontë möchten am renommierten Institut Héger ihr Französisch perfektionieren und die Leitung eines solchen Instituts studieren, denn - so der Plan – in England soll später ihre eigene Schule eröffnet werden. Von Madame und Monsieur Héger freundlich aufgenommen, können sie nach einiger Zeit dort bereits selbst unterrichten.

In Constantin Héger findet Charlotte einen Mann auf intellektueller Augenhöhe, er bewundert ihre literarischen Fähigkeiten, ihre Fantasie, ihre schöpferische Energie - und ist dabei ein doch ein so ganz anderer Typ Mann, als sie es von Nordenglands Kleinstädten gewohnt ist. Nonchalant, charmant, sinnesfroh. Sie verliebt sich in ihn, doch ist der Schulleiter, ihr Master - wie sie ihn nennt - ein verheirateter Familienvater. Liebt er sie auch? Wir wissen es nicht genau, können aber wohl annehmen, dass es doch nicht ganz in dem Maße war, wie Charlotte Brontë es erhoffte.

Dieser üppige historische Stoff erscheint der Autorin offensichtlich nicht ausreichend für ihren Roman, sie meint, ihr weibliches Publikum mit weiterem amourösen Drumherum bedienen zu müssen und so mischt sie mit süßbuntem Lokalkolorit die Geschichte von König Leopold und seiner Mätresse unter ihren wunderbaren, zarten Brontë-Stoff und kippt dazu noch überflüssig-erfundene Tändeleien um einen Brüsseler Verehrer Charlottes obendrauf, alles nach bekanntem Muster ein bißchen Historie hier, ein Schuss Romantik dort - nichts von Bedeutung, nicht von Wert.
 
Mit diesen sehr schwachen Passagen schadet sie dem Roman, der dabei zusehends verflacht und sich Frauenroman-Niederungen bedenklich nähert, sie schadet aber auch sich selbst, denn Jolien Janzing kann mehr.

Wir lesen das, wir spüren es, wenn sie sich auf ihr eigentliches Thema konzentriert. Charlotte Brontës Seelennöte, die Abgründe vor denen sie steht, als sie erkennen muss, es wird keine Zukunft geben, werden hervorragend herausgearbeitet und bewegen zutiefst. Dabei wendet sich die Autorin häufig direkt an ihre Leserinnen: „Lassen Sie Ihren Blick über England gleiten, bis Sie bei den windigen, baumlosen Hügeln von West Yorkshire sind …. Die Überlegungen von Charlotte und Emily sind Ihnen wohlbekannt, lieber Leser …“ Damit bindet sie uns in den Roman ein, wir werden Teil des Geschehens, werden gleichsam in den Roman hineingezogen und denken unwillkürlich an die weltbekannte Ansprache Jane Eyres an ihre Leser: „Reader, I married him“.

So weit wird es im wirklichen Leben nicht kommen.
Nach der endgültigen Rückkehr aus Brüssel schreibt Charlotte dem geliebten Mann Briefe, sie will den Kontakt zu ihrem Mentor nicht verlieren. Diese herzzerreißenden Dokumente, von denen vier auf geradezu wundersame Weise erhalten blieben, zeigen Charlottes unsterbliches, doch vergebliches Bemühen um ein privates Glück.

Sie verarbeitet die Brüsseler Geschehnisse künstlerisch in mehreren Romanen, dazu gehören “Der Professor”, “Vilette” und “Jane Eyre”.
Jolien Janzings Buch um Charlotte Brontë bietet dafür den richtigen Einstieg.

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