Dienstag, 18. August 2015


Charlotte Salomon





Rezension "Charlotte", David Foenkinos, DVA


Das erste, was ins Auge fällt sind die knappen Worte, die kurzen Sätze.
So will er ihr Leben schildern. Detailreich, doch ohne Ornament. Einfühlsam, doch ohne Pathos.

Charlotte Salomon wächst im Berlin der 20er und 30er Jahre im großbürgerlichen Charlottenburg auf. Wissenschaftler, Intellektuelle, Künstler sind häufig zu Gast. Ihre Jugend ist jedoch nicht unbeschwert, in der Familie liegt ein Hang zu Depression und Selbstmord. Auch Charlottes Mutter hat sich das Leben genommen. „Der Weg der Überlebenden ging über das Schweigen“ beschreibt David Foenkinos dieses Familientrauma.

Doch Charlotte entdeckt die Malerei als ihre Ausdrucksform, kann sich als eine der letzten Jüdinnen an einer Kunstakademie einschreiben, einen Preis für ihre Bilder darf sie schon nicht mehr entgegen nehmen.

Schließlich verlässt sie Berlin und geht nach Frankreich ins Exil. Bald herrscht auch dort der deutsche Terror. Charlotte geht weiter. Ins innere Exil. So entsteht ihr Lebenswerk, ihre Geschichte in Bildern, sie nennt es „LEBEN? ODER THEATER?“. Es ist ein autobiografisches Gesamtkunstwerk: Text, Musik und hunderte von Illustrationen. “Sie haben etwas Naives und zugleich Kraftvolles“ urteilt Walter Benjamin. „Ihre Bilder sprudeln vor Energie und Ideen“ sagt David Foenkinos.

Er begegnete ihr Anfang der 2000er Jahre. Zunächst bei Streifzügen durch Berlin-Charlottenburg, diese Schilderungen erinnern an den großen Flaneur Berlins, Franz Hessel.

Und dann war sie da. Persönlich. In einer Ausstellung. „Und leuchtete in schillernden Farben“. Und es war um ihn geschehen. Überwältigt.Verliebt. Besessen.
Wie konnte er diese starken Gefühle für sich künstlerisch verarbeiten? Foenkinos lässt uns am Schaffensprozess teilhaben. Wie er gerungen hat. Um den Inhalt, um die Form. Und es ist ihm gelungen: Durch den einfachen, knappen Stil, durch das Gespräch mit seinen Lesern wird dieses Buch zu einem Erlebnis. Sehr nah, sehr glaubhaft, sehr gut.

Wir stehen mit ihm vor der Berliner Wohnung, wir reisen mit ihm nach Frankreich, wir gehen ihre Wege. In diesem sehr starken letzten Buchabschnitt erzählt er noch einmal von seiner Suche nach ihr.

Da steht sie mit einem Koffer. Voller Bilder. Und übergibt alles einem Vertrauten. „C’est tout ma vie“ sagt sie. Denn sie werden nun doch noch von der Welt gejagt. Sie und ihr Mann werden nach Auschwitz verschleppt und ermordet.

Ob nun Roman, Biografie oder Bericht einer großen Leidenschaft ist für die Bewertung des Textes unerheblich. Es ist David Foenkinos eigenes und wohl persönlichstes Projekt:
Die Künstlerin Charlotte Salomon soll nicht im Grau der Zeit verblassen.
Er will sie uns zurückholen. In ihren leuchtenden Farben. Ins Hier und Jetzt und Immer.

„Das wahre Maß des Lebens ist die Erinnerung“ – dieses Benjamin-Zitat könnte über Charlottes Werk stehen, sagt Foenkinos. Es passt genauso gut zu seinem. 






In Charlottenburg


Wohnhaus Wilandstr. 15
Eingangstür

Gedenktafel am Haus
Stolpersteine

Eingangstür Schule

Fürstin-Bismarck-Lyzeeum
jetzt Sophie-Charlotte-Schule
Sybelstr. 2 - 4 






Schulweg über Walter-Benjamin-Platz






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